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Ein Brief, der sich zu lesen lohnt

Bischof Ivo Muser wendet sich in einem Hirtenbrief an die Jugendlichen der Diözese.

Liebe Jugendliche!

In zahlreichen Gesprächen und Begegnungen habt ihr mir von euren Erlebnissen und euren Gedanken erzählt. Eure Offenheit und euer Vertrauen haben mich sehr berührt und ich denke oft darüber nach. Mir kommt eure Lebensfreude in den Sinn, eure Aufmerksamkeit für Familie und Freunde, auch eure Nachdenklichkeit und eure Sehnsucht nach Antworten auf die Fragen eures Lebens und nach einem Sinn, der alles zusammenhält. Manchmal scheint es, als hättet ihr jungen Menschen es im Vergleich zu früher viel einfacher: fast alle haben in unserem Land die Dinge des täglichen Lebens, es gibt gute Bildungsmöglichkeiten, viele Freizeitangebote in einer wunderschönen Natur und eine Fülle von Möglichkeiten, aus denen ihr auswählen könnt. Aber bei genauerem Hinsehen wird schnell deutlich, dass sich euer Leben oft anfühlt, wie auf einer Slackline. Es gilt, in Anbetracht von Schwierigkeiten, Zweifeln und den oft widersprüchlichen Möglichkeiten, ein Ziel auszumachen, das es ermöglicht, ins Gleichgewicht zu kommen inmitten von Unsicherheiten und vielen Fragen, die euch zu lähmen drohen. Welcher von den vielen Wegen ist der richtige? Wie kann mein Leben glücken und wie kann ich meine Fähigkeiten am besten einsetzen? Wie gelingt es, eine eigene Existenz aufzubauen, eine Familie zu gründen und für sie zu sorgen? Wie kann ich eine Arbeit finden, die meinen Fähigkeiten und Wünschen entspricht und die mir eine Lebensgrundlage bietet? Und dann der rasante technische Fortschritt, der neben manchem Segen auch die beunruhigende Frage mit sich bringt, ob wir menschlich Schritt halten können mit den technischen Möglichkeiten, damit nicht genau diese technischen Entwicklungen dem Menschen seine Beziehungsfähigkeit und seine Würde rauben. So lastet in unserer Welt mit ihrer Schnelllebigkeit und ihren vielfältigen Anforderungen auch ein großer Druck auf vielen von euch. Wenn wir den Blick noch weiten und über unser Land hinaus auf die Welt werfen, dann kann einem manches aussichtslos erscheinen. Wir sehen verhärtete Fronten zwischen Völkern, Menschen in unsagbarem Leid, in Not und Heimatlosigkeit. Wir hören von Umweltkatastrophen und der Zerstörung der Natur, wir hören von Terrorismus, Gewalt und Korruption. Und das alles geschieht nicht nur irgendwo weit weg, sondern auch hier bei uns und zwischen uns. In solchen Momenten verwundert es mich nicht, dass junge Menschen resignieren, keine Perspektiven mehr sehen und hoffnungslos werden.

[Hoffnung & Mut]
Gleichzeitig aber nehme ich eure tiefe Sehnsucht und euren starken Willen nach Veränderung wahr, nach einer besseren, gerechteren und zukunftsfähigen Welt und das stimmt mich hoffnungsvoll! Und getragen von dieser Hoffnung rufe ich euch zu: Habt Mut! Traut euch! Ihr seid der Schlüssel zur Veränderung! Gebt der Hoffnungslosigkeit keinen Platz in euren Herzen und lasst nicht zu, dass Resignation sich in eurem Leben breitmacht. Vielmehr: fasst euch ein Herz und beginnt mit dem ersten Schritt! Überall auf der Welt und auch in unserem Land haben Menschen mit solchen kleinen, ersten Schritten den Weg bereitet für Großes. Schaut euch um, in eurem Leben, in eurem Alltag, in den täglichen Erfahrungen, mit aufmerksamem Blick und einem wachen Herzen und beginnt bei dem, was euch begegnet!

[Würde]
Und wenn ihr fragt, was euch Orientierung gibt und worauf es ankommt, dann verlasst euch auf euer Gespür für die Würde des Menschen, auf die Sehnsucht nach gelingenden Beziehungen, nach Freundschaft und das Füreinander-Dasein. Geht jene Wege, die den Menschen in unserem Land und überall auf der Welt ein Leben in Freiheit ermöglichen. Es ist die Freiheit, in der jeder Mensch seine Einzigartigkeit entfalten kann. Und es ist auch die Freiheit, die uns dazu drängt, Verantwortung zu übernehmen. Was aber bedeutet Verantwortung? Verantwortung meint, sich eine Meinung zu bilden und für sie einzustehen, das zu wählen, was man als gut und richtig erkannt hat und es in die Tat umzusetzen, damit die Welt morgen ein klein wenig besser ist und ein menschlicheres Antlitz trägt. Auch wenn es manchmal nicht so scheint: jede und jeder von euch kann etwas bewirken. Traut euch! Lebt eure Verantwortung! Schaut, wie überall auf der Welt auch das Gute seinen Lauf nimmt, weil Menschen ganz konkret und in kleinen Schritten damit beginnen, das Gute zu tun!

[Solidarität]
Niemand von uns kann aus sich selber leben. In unserem Menschsein sind wir darauf angewiesen, dass andere sich unser annehmen. Das kommt ganz besonders – aber nicht nur – am Beginn unseres Lebens zum Ausdruck. Ihr habt ein tiefes Gespür dafür, wenn ihr immer wieder betont, wie wichtig euch in eurem Leben Familie und Freundschaft sind. Sich anderen Menschen zuzuwenden und solidarisch mit ihnen zu sein wenn sie uns brauchen, das ist die Antwort auf all das, was wir in unserem Leben unverdient und unbezahlbar erhalten haben. Diese Zuwendung gilt nicht nur jenen Menschen, denen wir uns verbunden fühlen weil uns familiäre oder freundschaftliche Beziehungen verbinden, nein, diese Zuwendung gilt allen Menschen, die in Not sind und unserer Hilfe bedürfen – das ist tiefster Ausdruck der menschlichen Würde! Ist es nicht erschreckend und ermutigend zugleich, für wie viele Menschen es genug zum Leben gäbe, wenn es uns nur gelänge, Ressourcen gerechter zu verteilen und unser oft unbedachtes Konsum- und Wegwerfverhalten hier und dort zu verändern? Und doch: es erfüllt mich mit Hoffnung und Dankbarkeit, wenn ich sehe, wie sehr es euch am Herzen liegt, dass es gerechter zugehen möge in Welt und Gesellschaft, wenn ich sehe, wie viele von euch auch bereit sind, zu teilen und zu helfen. Nicht wenige von euch schenken auch in unserem Land ihre Zeit und ihre Kraft, um für Menschen in Not da zu sein, sei es im Rahmen von Verbänden und Vereinen, in Hilfsorganisationen, bei Solidaritätsaktionen oder auch ganz unspektakulär dort, wo es im Alltag ein mitfühlendes Herz und eine helfende Hand braucht.

[Eigeninitiative & Gemeinwohl]
Wartet nicht darauf, dass die „Regierenden“ oder die „Machthabenden“ die Probleme lösen, sondern nehmt das wahr, was ihr heute schon machen könnt! Ihr könnt euch heute schon entscheiden, nachhaltige Verkehrsmittel zu nutzen und weniger Müll zu produzieren. Ihr könnt euch heute schon entscheiden, eure Kleider – vielleicht nicht immer, aber wo es geht – so zu kaufen, dass die Menschen, die sie herstellen nicht daran zugrunde gehen, sondern ein würdiges Leben führen können. Ihr könnt heute schon drauf achten, dass ihr mit eurem Verhalten faires und nachhaltiges Wirtschaften und Leben fördert, das nicht nur uns, sondern auch den Generationen nach uns eine Zukunft ermöglicht. Ihr könnt heute eure Fähigkeiten, eure technischen, sprachlichen, kulturellen Kenntnisse, eure Ideen und Kreativität nutzen und umsetzen und einen Beitrag leisten für die Lösung von Problemen, einen Beitrag, den keiner sonst so leisten kann, wie ihr! Indem ihr so lebt und handelt, verwirklicht ihr nicht nur euch selbst, sondern gestaltet auch Gesellschaft und Welt in einer Weise, die zutiefst christlich ist. Als Bischof sage ich euch, dass darin schon das zum Ausdruck kommt, was wir christliche Berufung nennen. Indem ihr so lebt, folgt ihr schon dem Ruf Gottes, der nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt, und auch selten in einer Stimme aus dem Nichts, sondern der sich als ein Ruf des Lebens in den Hoffnungen und Freuden, in der Trauer und Angst unseres Alltags ereignet. Dass ihr bereit seid, diesem Ruf Antwort zu geben, erfüllt mich – und viele Menschen in unserem Land – mit tiefer Freude, mit Hoffnung für die Zukunft der Welt und die Zukunft der Kirche und mit großer Dankbarkeit!

So wünsche ich uns allen, dass der Weg auf Ostern hin uns mit neuer Hoffnung erfülle dort, wo wir nicht mehr zu hoffen wagen und mit dem Mut, uns von unserer Sehnsucht leiten zu lassen, damit alle Menschen das Leben in Fülle haben! Ich grüße euch in der Zuversicht, dass Einer alle unsere Wege liebend mitgeht!
Euch allen herzlich verbunden,

euer Bischof Ivo Muser

Bozen, am 11. März 2018, dem 4. Fastensonntag



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